Date:2026-11-03 Views:0
REACH, RoHS und Konfliktmineralien sind drei unterschiedliche Regelwerke, die deutsche Einkäufer bei MIM-Bauteilen aus China dennoch gemeinsam prüfen müssen. REACH (EG) 1907/2006 reguliert Stoffe und Artikel und verlangt Informationen, sobald ein besonders besorgniserregender Stoff (SVHC) in Konzentrationen über 0,1 Gew.-% enthalten ist. RoHS 2011/65/EU beschränkt zehn Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten. Die Konfliktmineralien-Verordnung (EU) 2017/821 gilt für EU-Importeure von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold. Relevanz entsteht, weil MIM-Bauteile in allen drei Ketten auftauchen: als Komponente im Elektrogerät, als Artikel mit Materialdeklaration und als Teil der Lieferkette, die Kunden auditiert.
"Sind MIM-Bauteile RoHS-pflichtig?" — Nicht direkt. RoHS gilt für Elektro- und Elektronikgeräte, nicht für einzelne Metallbauteile. Der Gerätehersteller führt den Konformitätsnachweis; der Bauteillieferant muss ihm dafür belastbare Materialdaten und Prüfberichte liefern.
Diese Unterscheidung ist praktisch wichtig. Wer vom Lieferanten ein „RoHS-Zertifikat" ohne Bauteilbezug verlangt, erhält meist eine allgemeine Erklärung, die im Audit nicht standhält. Wer dagegen eine Materialdeklaration je homogenem Material und einen Prüfbericht aus einem akkreditierten Labor verlangt, kann die Konformität selbst nachweisen.
MIM kombiniert Metallpulver, Binder und einen Sinterprozess. Die Compliance-Risiken verteilen sich deshalb auf Stellen, die in einer reinen Metallbetrachtung nicht auftauchen: das Feedstock-Rezept, die Entbinderung, die Oberflächenbehandlung und die Verpackung.
| Bereich | Relevanter Stoff oder Risiko | Wo es entsteht | Nachweis |
|---|---|---|---|
| Metallpulver | Nickel in 316L und 17-4PH, Kobalt, Chrom | Legierungszusammensetzung, Pulverherstellung | Schmelzzeugnis, Materialdeklaration |
| Binder und Feedstock | Phthalate (DEHP, BBP, DBP, DIBP), PAK, PFAS | Wachs-, Polymer- und Gleitmittelanteile | Rezepturdeklaration, SVHC-Erklärung |
| Entbinderung und Sintern | Prozessemissionen, Kohlenstoffaufnahme | Ofenatmosphäre, Binderrückstände | Prozessdokumentation, Kohlenstoffanalyse |
| Oberfläche | Chrom(VI)-Verbindungen, Nickelfreisetzung, PFAS in Coatings | Galvanik, Passivierung, Beschichtung | IEC 62321, EN 1811, Sicherheitsdatenblätter |
| Verpackung | Schwermetalle, PFAS, Recyclingfähigkeit | Karton, Folie, Papier, Klebeband | Verpackungsdeklaration, PPWR-Nachweis |
| Konfliktmineralien | Zinn, Tantal, Wolfram, Gold (3TG) | Kupferlegierungen, Schwerlegierungen, Beschichtungen | CMRT, Schmelzhüttenliste |
Der wichtigste Punkt für Einkäufer: Ein MIM-Bauteil ist kein reines Metall. Der Binder wird zwar weitgehend entfernt, aber Rückstände und Prozesschemikalien können Spuren hinterlassen. Deshalb ist die Frage nach dem Feedstock-Lieferanten und nach dem Wechsel von Binder oder Pulverlieferant genauso compliance-relevant wie die Legierungsangabe.
Ein vollständiges Compliance-Paket besteht aus sechs bis acht Dokumenten. Jedes beantwortet eine andere Frage; keines ersetzt die anderen.
| Dokument | Inhalt | Standard oder Format | Rhythmus |
|---|---|---|---|
| REACH-SVHC-Erklärung | Erklärung je Artikel, ob ein SVHC über 0,1 Gew.-% enthalten ist | Artikelbezug, Kandidatenliste mit Datum | Je Lieferung oder auf Abruf |
| SCIP-Meldung | SCIP-Nummer für Artikel mit SVHC über 0,1 Gew.-% | ECHA-SCIP-Datenbank | Bei jeder relevanten Änderung |
| Materialdeklaration | Zusammensetzung je homogenem Material | IEC 62474 oder IPC-1752A | Bei Erstmuster und Änderung |
| RoHS-Prüfbericht | Zehn beschränkte Stoffe je homogenem Material | IEC 62321, Labor nach ISO/IEC 17025 | Jährlich oder bei Materialwechsel |
| CMRT | Herkunft von Zinn, Tantal, Wolfram und Gold | RMI-Template, OECD-Sorgfalt | Jährlich |
| Konfliktmineralien-Erklärung | Bestätigung der Sorgfaltspflicht in der Lieferkette | Verweis auf VO (EU) 2017/821 | Jährlich |
| Nickelfreisetzung | Freisetzung bei Hautkontakt | EN 1811, EN 12472 | Bei neuen Oberflächen |
| Konformitätserklärung | Zusammenfassung mit Gültigkeit und Geltungsbereich | Bauteilnummer, Revision, Datum | Je Revision |
"Reicht ein Sicherheitsdatenblatt als REACH-Nachweis?" — Nein. Ein Sicherheitsdatenblatt gilt für Stoffe und Gemische, nicht für fertige Artikel. Für MIM-Bauteile braucht der Einkäufer eine artikelbezogene SVHC-Erklärung und eine Materialdeklaration.
Die Dokumentenprüfung ist keine Formalie. Vier Fehler tauchen in Audits immer wieder auf: fehlender Bauteilbezug, Prüfung auf Material- statt auf Bauteilebene, abgelaufene SVHC-Liste und ein Bericht ohne akkreditierte Prüfstelle.
| Prüfpunkt | Anforderung | Typischer Fehler |
|---|---|---|
| Bauteilbezug | Teilenummer, Revision und Zeichnungsstand im Bericht | Allgemeine Erklärung für die gesamte Fabrik |
| Homogenes Material | Bewertung je Beschichtung, Lot, Kunststoff und Metall | Mittelwert über das gesamte Bauteil |
| Prüflabor | ISO/IEC 17025, Scope umfasst IEC 62321 | Werkslabor ohne Akkreditierung |
| SVHC-Liste | Datum der Kandidatenliste, nicht älter als sechs Monate | Erklärung auf Basis einer drei Jahre alten Liste |
| Schwellenwerte | 0,1 Gew.-% (1.000 ppm) je SVHC, 0,01% für Cadmium | Summenwert über mehrere Materialien |
| Änderungsmanagement | Meldung bei Binder-, Pulver- oder Galvanikwechsel | Nachweis nur zur Erstbemusterung |
Praktisch hat sich eine risikobasierte Prüfung bewährt: Nicht jedes Bauteil braucht eine vollständige Analyse. Prüfen Sie die Materialien mit dem höchsten Risiko — Galvanik, Binderrückstände, Kupferlegierungen und Verpackung — vollständig und lassen Sie die übrigen über eine Materialdeklaration abdecken. Bei Lieferanten aus China kommt die Sprach- und Revisionsfrage hinzu: Berichte in englischer Sprache mit klarer Revisionsnummer sind die Ausnahme, nicht die Regel.
Nachweise sind nur so gut wie ihre rechtliche Grundlage. Ohne Vertragsklausel endet die Zusammenarbeit bei der ersten SVHC-Aktualisierung in einer Diskussion über Zuständigkeiten.
| Vertragsklausel | Zweck | Formulierungshinweis |
|---|---|---|
| Fortlaufende Konformitätserklärung | Gilt für jede Lieferung, nicht nur für das Erstmuster | „Für alle Lieferungen der vereinbarten Teilenummer" |
| Informationspflicht bei Stoffänderung | Neue SVHC oder Materialwechsel frühzeitig erkennen | Meldung innerhalb von 30 Tagen, auch ohne Bestellabruf |
| Änderungsmanagement (PCN) | Kein stiller Wechsel von Binder, Pulver oder Galvanik | Vorabfreigabe 90 Tage vor Serienstart der Änderung |
| Prüf- und Auditrechte | Dokumente und Prozesse vor Ort überprüfen | Auch bei Unterlieferanten und Galvanikbetrieben |
| Dokumentenaufbewahrung | Nachweise über Produktlebenszyklus hinaus | Mindestens zehn Jahre nach letzter Lieferung |
| Freistellung | Kosten bei Verstoß tragen | Rückruf-, Entsorgungs- und Prüfkosten eingeschlossen |
| Weitergabe (Flow-down) | Gilt auch für Pulver-, Binder- und Galvaniklieferanten | Verpflichtung zur Weitergabe an Unterlieferanten |
Ein Punkt wird häufig übersehen: Die Konfliktmineralien-Verordnung (EU) 2017/821 richtet sich an EU-Importeure von Rohstoffen, nicht an Hersteller fertiger MIM-Bauteile in China. Wenn Ihr Kunde dennoch einen CMRT verlangt, ist das eine vertragliche Kundenanforderung und keine unmittelbare gesetzliche Pflicht des Lieferanten. Diese Unterscheidung sollte im Vertrag stehen, damit im Streitfall klar ist, welche Sorgfaltspflicht geschuldet wird.
Die ECHA-Kandidatenliste wird in der Regel zweimal pro Jahr aktualisiert. Ohne internen Prozess bleibt die Erklärung des Lieferanten nach der ersten Aktualisierung stehen und wird stillschweigend falsch.
Legen Sie einen festen Ablauf fest: Nach jeder Aktualisierung prüft der Einkauf innerhalb von 30 Tagen, ob neue Stoffe in der Materialdeklaration vorkommen können. Bei einem neuen SVHC über 0,1 Gew.-% informiert der Lieferant den Kunden, aktualisiert die SCIP-Meldung und bewertet eine Substitution. Bei einer festgestellten Abweichung gilt: Charge sperren, Ursache mit 8D klären, Austauschmaterial oder Prozessänderung freigeben, Kunden informieren. Ein bloßes „Wir prüfen das" ohne Zeitplan ist keine Reaktion.
"Muss der Lieferant bei jeder neuen SVHC-Liste automatisch neu deklarieren?" — Rechtlich nur, wenn ein neuer Stoff tatsächlich über 0,1 Gew.-% enthalten ist. Vertraglich sollten Sie eine Prüfpflicht und eine Bestätigung innerhalb von 30 Tagen vereinbaren, sonst erhalten Sie keine belastbare Aussage.
Senden Sie uns Ihre Bauteilzeichnung, die Zielmärkte und die Materialien, die Sie heute deklarieren müssen. Wir liefern Ihnen kostenlos ein Compliance-Paket mit SVHC-Erklärung, Materialdeklaration, RoHS-Prüfbericht und CMRT — bevor Sie die Serie freigeben.
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