Date:2026-11-04 Views:0
Eine Sonderfreigabe bei MIM-Bauteilen ist eine zeitlich und mengenmäßig begrenzte, schriftliche Zustimmung des Kunden, eine nicht spezifikationskonforme Lieferung dennoch zu verwenden. Sie funktioniert nur, wenn die Abweichung technisch bewertet, eindeutig gekennzeichnet und rückverfolgbar ist, und sie ist kein Ersatz für eine Prozesskorrektur. Für Einkäufer ist sie relevant, weil sie drei Dinge gleichzeitig festlegt: ob die Linie weiterläuft, wer das Risiko trägt und zu welchem Preis die Ware akzeptiert wird.
"Wann ist eine Sonderfreigabe zulässig?" — Nur wenn die Abweichung Funktion, Montage, Sicherheit und Zulassung nicht beeinträchtigt, Menge und Laufzeit begrenzt sind und der Kunde vor der Lieferung schriftlich zugestimmt hat.
IATF 16949 verlangt in Abschnitt 8.7.1.7 eine kundenspezifische Sonderfreigabe für die Verwendung nichtkonformer Produkte. In der Praxis scheitern Sonderfreigaben weniger an der Technik als an der Dokumentation: fehlende Chargenangabe, unklare Laufzeit oder eine Freigabe per E-Mail, die später niemand mehr zuordnen kann.
Nicht jede Abweichung braucht eine Sonderfreigabe. Die vier Standardmaßnahmen unterscheiden sich in Entscheider, Dokumentation und Kostenwirkung.
| Maßnahme | Ziel | Entscheider | Dokumentation | Kostenwirkung | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|---|---|
| Sperrlager | Ware isolieren, bis die Bewertung abgeschlossen ist | Lieferant QM | Sperrvermerk, Zugangsprotokoll | Lager- und Verwaltungskosten | Verdacht auf Abweichung, Ursache noch unklar |
| Sortieraktion / 100%-Prüfung | fehlerhafte Teile aus der Lieferung entfernen | Lieferant QM, Kunde SQE | Sortierprotokoll, Prüfmerkmale, Ausschussquote | 0,50–3,00 € pro Teil plus Stillstand | Abweichung bekannt, Umfang unbekannt |
| Nacharbeit | Konformität durch freigegebene Nacharbeit wiederherstellen | Lieferant QM und Technik | Nacharbeitsanweisung, Nacharbeitsprotokoll | Arbeitszeit plus Prüfkosten | Reparierbare Abweichung, z. B. Grat oder Maßkorrektur |
| Sonderfreigabe / Konzession | Abweichung befristet akzeptieren | Kunde (SQE, Einkauf, Entwicklung) | Sonderfreigabeformular, Laufzeit, Menge, Kennzeichnung | Preisnachlass, Risiko, Verwaltung | Funktional unkritische Abweichung, Lieferengpass |
| Ausschuss | Teile verschrotten und Prozess korrigieren | Lieferant QM | Ausschussbericht, Ursachenanalyse | Vollkosten der Charge | Sicherheits-, Funktions- oder Zulassungsrelevanz |
Die Reihenfolge ist wichtig: Erst sperren und bewerten, dann entscheiden. Wer zuerst eine Sonderfreigabe anfragt und danach prüft, ob die Abweichung unkritisch ist, verschiebt das technische Risiko auf den Kunden.
Der Ablauf folgt einem festen Muster. Die Fristen sind in vielen Lieferantenhandbüchern geregelt; als Arbeitsannahme gelten 24 Stunden für die Sperrung und fünf Arbeitstage für die Entscheidung.
| Schritt | Inhalt | Verantwortlich | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1 — Erkennen und sperren | betroffene Charge isolieren, Kennzeichnung anbringen | Lieferant QM | Sperrvermerk, Chargenliste |
| 2 — Sofortmaßnahme | Lieferstopp, Sortierung, Kunde informieren (8D, D3) | Lieferant QM und Vertrieb | Containment-Protokoll |
| 3 — Messen und bewerten | Ist-Maße, Anzahl betroffener Teile, Vergleich mit Zeichnung | Lieferant QM | Messprotokoll, Abweichungsanalyse |
| 4 — Risikobewertung | Funktion, Montage, Sicherheit, Zulassung, Folgeschaden | Lieferant Technik und Kunde SQE | Risikobewertung mit Freigabeempfehlung |
| 5 — Antrag stellen | eindeutige Sonderfreigabenummer, Menge, Laufzeit, Kennzeichnung | Lieferant QM | vollständiger Antrag |
| 6 — Kunde entscheidet | SQE prüft technisch, Einkauf prüft kaufmännisch, Entwicklung bei Funktion | Kunde | schriftliche Zustimmung oder Ablehnung |
| 7 — Befristete Lieferung | Kennzeichnung der Packung, Rückverfolgbarkeit, Mengenbegrenzung | Lieferant QM | Freigabe mit Ablaufdatum |
| 8 — Wiederholprüfung und Abschluss | Ursache beseitigen, Prozessfähigkeit nachweisen, Freigabe schließen | Lieferant QM, Kunde SQE | 8D-Abschluss, PPAP-Anpassung |
"Wer unterschreibt die Sonderfreigabe?" — Der Lieferant zeichnet technisch und der Kunde genehmigt; die Unterschrift des Einkaufs regelt die kaufmännischen Folgen, ersetzt aber nicht die technische Freigabe durch SQE und Entwicklung.
Wichtig ist die Trennung von technischer und kaufmännischer Entscheidung. Der Einkauf kann eine Sonderfreigabe nicht allein genehmigen, weil er das Funktionsrisiko nicht bewertet; die Qualität kann sie nicht allein ablehnen, wenn eine Lieferunterbrechung droht. Beide Rollen brauchen dieselbe Datenbasis.
Die RACI-Matrix verhindert, dass Sonderfreigaben in einer E-Mail-Kette verschwinden. Sie gilt für MIM-Lieferungen mit PPAP-Pflicht; bei kundenspezifischen Sonderregelungen ersetzt das Lieferantenhandbuch diese Matrix.
| Aufgabe | Lieferant QM | Lieferant Vertrieb | Einkauf | Kunde SQE | Entwicklung |
|---|---|---|---|---|---|
| Abweichung erkennen und sperren | R | I | I | I | — |
| Messprotokoll und Ursachenanalyse | R | — | — | C | C |
| technische Risikobewertung | C | — | — | R | C |
| Sonderfreigabe beantragen | R | C | I | C | — |
| Freigabe erteilen | — | — | C | A | C |
| Preis- und Kostenfolgen verhandeln | C | R | A | I | — |
| Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit | R | — | I | I | — |
| Prozesskorrektur und Wiederholprüfung | R | — | I | A | C |
R = durchführend, A = rechenschaftspflichtig, C = konsultiert, I = informiert. In der Praxis liegt das größte Risiko bei der Rolle „A“: Wenn weder Einkauf noch SQE die Gesamtverantwortung übernimmt, bleibt die Sonderfreigabe offen, bis die nächste Lieferung eintrifft.
Ein Antrag ist vollständig, wenn ein Prüfer ihn ohne Rückfrage bearbeiten kann. Die folgende Checkliste deckt die Mindestanforderungen ab.
| Unterlage | Inhalt | Mindestanforderung |
|---|---|---|
| Sonderfreigabenummer | eindeutig, fortlaufend, im Lieferanten- und Kundensystem identisch | eine Nummer pro Abweichung und Charge |
| Teile- und Zeichnungsbezug | Teilenummer, Zeichnungsnummer, Revisionsstand | aktuelle, freigegebene Revision |
| Chargen- und Mengenangabe | Charge, Menge, Lieferdatum, betroffene Packstücke | vollständige Rückverfolgbarkeit |
| Messprotokoll | Ist-Maße, Toleranzgrenzen, Anzahl geprüfter Teile | nachvollziehbar mit Messmittelangabe |
| Ursachenanalyse | 8D-Stand, Sofortmaßnahme, Ursache | mindestens D3 abgeschlossen |
| Risikobewertung | Funktion, Montage, Sicherheit, Zulassung, Folgeschaden | schriftliche Bewertung mit Freigabeempfehlung |
| Kennzeichnungskonzept | Label, Sperrvermerk, Rückverfolgbarkeit in der Fertigung | eindeutig und dokumentiert |
| Laufzeit und Menge | Startdatum, Ablaufdatum, Höchstmenge, Rückrufplan | keine offene Freigabe ohne Enddatum |
| Kostenfolgen | Preisnachlass, Sortierkosten, Expressversand | vor der Zustimmung geklärt |
"Reicht eine E-Mail als Sonderfreigabe?" — Nein. Eine E-Mail ist ein Hinweis, kein auditierbares Dokument; verlangen Sie ein unterschriebenes Formular mit Nummer, Menge, Laufzeit und Kennzeichnung.
Für MIM-Bauteile sollten zusätzlich das Sinter- und Wärmebehandlungsprotokoll der betroffenen Charge sowie die Materialcharge beigefügt werden. Abweichungen bei Maßhaltigkeit, Porosität oder Härte lassen sich ohne diese Daten nicht bewerten.
Eine einzelne Sonderfreigabe ist ein kontrollierter Vorgang. Fünf pro Monat beim gleichen Lieferanten sind ein Prozessproblem. Messen Sie deshalb nicht nur die Anzahl, sondern auch die Wiederholquote und die Bearbeitungszeit.
| Kennzahl | Zielwert | Eskalation |
|---|---|---|
| Sonderfreigaben je 1.000 Lieferungen | < 5 | Lieferantengespräch ab 8 |
| Wiederholquote gleicher Abweichung | < 10% | 8D-Eskalation und Prozessaudit ab 20% |
| Bearbeitungszeit Antrag bis Entscheidung | ≤ 5 Arbeitstage | Eskalation an Einkauf und QM-Leitung |
| Kostenquote Sonderfreigaben | < 0,5% des Einkaufsvolumens | Lieferantenbewertung anpassen |
| Top-3-Ursachen | quartalsweise ausgewertet | Maßnahmenplan mit Termin |
| Offene Freigaben ohne Ablaufdatum | 0 | sofortiger Lieferstopp |
Die aussagekräftigste Kennzahl ist die Wiederholquote. Sie zeigt, ob die Ursache beseitigt wurde oder ob die Sonderfreigabe nur die nächste Lieferung überbrückt. Koppeln Sie die Quote an die Lieferantenbewertung und an die PPAP-Nachprüfung, sonst bleibt sie eine Qualitätskennzahl ohne Einkaufswirkung.
"Ist eine Sonderfreigabe ein Qualitätsfehler?" — Sie ist zunächst eine kontrollierte Abweichung; wiederholte Sonderfreigaben mit gleicher Ursache sind ein Qualitätsfehler und müssen als solcher bewertet werden.
Senden Sie uns Zeichnung, Abweichungsbeschreibung und Charge. Wir prüfen die Sonderfreigabe kostenlos gegen Funktion, Toleranzkette und Prozessdaten und liefern Ihnen eine belastbare Entscheidungsvorlage mit Laufzeit, Kennzeichnung und Maßnahmenplan – bevor die nächste Lieferung das Werk verlässt.
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