Date:2026-07-31 Views:0
Die MIM-Werkzeugkonstruktion (Metal Injection Molding, Metallpulverspritzgießen) muss den linearen Schrumpf von 15–20 % beim Sintern bereits in der Kavitätsauslegung kompensieren. Wer den Schrumpf nicht korrekt berücksichtigt, produziert Maßabweichungen von mehreren Zehntelmillimetern und Ausschuss. Dieser Fachartikel erklärt die physikalischen Ursachen, zeigt die Berechnung der Schrumpfzugabe und gibt Konstruktionsregeln für präzise Spritzgusswerkzeuge.
Ein MIM-Bauteil durchläuft vier Prozessstufen: Formgebung im Spritzgießwerkzeug, chemisches Entbindern, thermisches Entbindern und Sintern. Die größte Dimensionsänderung tritt beim Sintern auf – das poröse Grünlingsbauteil wird auf etwa 95–99 % der theoretischen Dichte verdichtet. Dabei schrumpft das Teil in allen Raumrichtungen.
Der lineare Schrumpf bezeichnet die prozentuale Längenänderung zwischen dem gespritzten Grünling und dem gesinterten Fertigteil. Übliche Werte liegen zwischen 15 % und 20 %, abhängig von Werkstoff, Pulverfüllgrad und Sinterdauer. Die Zeitfestigkeit und Dichte des Endteils hängen unmittelbar mit der Größe dieses Schrumpfs zusammen.
Während des Sinterns verbinden sich die Metallpulverpartikel durch Diffusion und bilden eine dichte Metallmatrix. Die Poren zwischen den Partikeln verschwinden weitgehend, wodurch das Volumen abnimmt. Die Volumenschrumpfung ist kubisch, die lineare Schrumpfung entspricht etwa einem Drittel der Volumenänderung.
| Prozessstufe | Schrumpfanteil | Typische Parameter |
|---|---|---|
| Spritzgießen | 0–0,5 % | Spritzdruck 60–120 MPa, Werkzeugtemperatur 40–80 °C |
| Chemisches Entbindern | 0,2–0,5 % | Lösungsmittel, 40–60 °C, 2–6 Stunden |
| Thermisches Entbindern | 0,5–1 % | Aufheizrate 1–3 K/min, 300–600 °C |
| Sintern | 14–19 % | Sintertemperatur 1100–1350 °C je nach Legierung |
Die MIM-Werkzeugkonstruktion verlangt eine genaue Kenntnis der schrumpfbestimmenden Parameter, da schon geringe Abweichungen die Endmaße signifikant verändern. Der Pulverfüllgrad der Feedstock-Mischung bestimmt die Ausgangsmasse im Grünling: Ein höherer Metallpulveranteil reduziert den späteren Schrumpf. Typische Feststoffgehalte liegen bei 55–65 Vol.-%.
Die Sintertemperatur und -zeit beeinflussen die erreichte Dichte. Höhere Temperaturen beschleunigen die Diffusion, erhöhen jedoch auch das Risiko von Anhaftungen im Ofen. Zusätzlich spielen Partikelgröße und -form des Metallpulvers eine Rolle: Feine Pulver sinteren aktiver und erzielen höhere Dichten, aber auch einen höheren Schrumpf.
Die Werkzeugauslegung muss den materialspezifischen Schrumpf kennen, da Legierungen unterschiedlich stark dichtgesintert werden. Rostfreie Stähle wie 316L und 17-4PH weisen Schrumpfwerte um 16–18 % auf, während Titanlegierungen wegen der geringeren Dichte ähnliche oder leicht höhere Schrumpfraten zeigen. Nickelbasislegierungen und Hartstoffe wie Wolframcarbid liegen in einem vergleichbaren Bereich.
| Werkstoff | Dichte nach Sintern | Linearer Schrumpf | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| Edelstahl 316L | 7,8 g/cm³ (≈99 %) | 16–18 % | Medizintechnik, Fluidtechnik |
| Edelstahl 17-4PH | 7,7 g/cm³ (≈98 %) | 17–19 % | Automotive, Luftfahrt |
| 2 % Ni, 2 % Mo, leg. | 7,6 g/cm³ (≈96 %) | 17–20 % | Mechanische Komponenten |
| Titanlegierung Ti-6Al-4V | 4,4 g/cm³ (≈98 %) | 18–20 % | Medizinimplantate, High-End-Technik |
| Wolframlegierung | 17,5 g/cm³ (≈99 %) | 14–16 % | Schwermasseteile, Kollimatoren |
In der MIM-Werkzeugkonstruktion wird jede Kavität um den Schrumpffaktor vergrößert. Ein Bauteil mit einer Nennlänge von 20 mm und einem Schrumpf von 17 % benötigt eine Kavitätslänge von etwa 24,1 mm. Die Formel lautet:
Kavitätsmaß = Endmaß / (1 - Schrumpf/100)
Beispiel: Endmaß 20 mm, linearer Schrumpf 17 %. Kavitätsmaß = 20 / 0,83 = 24,10 mm.
Dabei ist zu beachten, dass der Schrumpf nicht in allen Raumrichtungen exakt gleich ist. Strömungsbedingte Orientierungseffekte, unterschiedliche Wandstärken und die Entformung können zu anisotropem Schrumpf führen. Die Werkzeugkonstruktion muss daher eine Schrumpfkorrektur inklusive Sicherheitsfaktor und Nachbearbeitungszugabe einplanen.
Zusätzlich beeinflusst der Schrumpf die Entformungsschräge: Während des Abkühlens im Spritzgießwerkzeug schrumpft der Grünling leicht auf den Kern, gleichzeitig muss das Teil formbar entformt werden. Übliche Entformungsschrägen liegen bei 0,5–2°, bei MIM oft höher als bei thermoplastischem Spritzguss, um Beschädigungen am Grünling zu vermeiden.
Die Schrumpfkompensation erfolgt üblicherweise anhand empirischer Schwindungsfaktoren, die der Rohstoffhersteller für jeden Feedstock-Typ angibt. Diese Faktoren gelten unter definierten Prozessbedingungen und müssen in Versuchsreihen verifiziert werden. In der MIM-Werkzeugkonstruktion wird der Werkzeugstahl für die Endabstimmung häufig mittels Erodieren angepasst.
| Bauteilmaß (mm) | Schrumpf 15 % | Schrumpf 17 % | Schrumpf 20 % |
|---|---|---|---|
| 5,0 | 5,88 | 6,02 | 6,25 |
| 20,0 | 23,53 | 24,10 | 25,00 |
| 50,0 | 58,82 | 60,24 | 62,50 |
| 100,0 | 117,65 | 120,48 | 125,00 |
Die Tabelle zeigt, dass bereits ein Unterschied von zwei Prozentpunkten beim Schrumpf bei 100 mm Bauteillänge eine Kavitätsdifferenz von fast 8 mm ergibt. Eine sorgfältige Kalibrierung des Schwindungsfaktors ist daher unerlässlich. Moderne Simulationstools für Spritzguss und Sinterung helfen, den Materialfluss und den Wärmehaushalt zu optimieren.
Die Präzisionsmetallteile aus dem MIM-Verfahren erreichen üblicherweise Toleranzen nach ISO 2768-m bis ISO 2768-f, in Einzelfällen engere Werte. Die erreichbare Genauigkeit hängt nicht nur vom Schrumpf ab, sondern auch von der Gleichmäßigkeit der Grünlingsdichte und der Sintertemperaturverteilung im Ofen.
| Merkmal | Typische erreichbare Toleranz | Bemerkung |
|---|---|---|
| Längenmaße | ±0,3–0,5 % der Nennlänge | Bei 20 mm: ±0,06–0,10 mm |
| Bohrungen | ±0,05–0,15 mm | Abhängig vom Formkern |
| Planheit | ≤ 0,2 mm/100 mm | Durch Sinterauflage beeinflusst |
| Oberflächenrauheit | Ra 1,6–3,2 μm | Nach dem Sintern |
Die Maßhaltigkeit wird zusätzlich durch den Verzug während des Sinterns beeinflusst. Große flächige Teile neigen zum Durchhängen und benötigen keramische Auflagen im Sinterofen. Die MIM-Werkzeugkonstruktion kann hier durch eine optimierte Grünlingsgeometrie die spätere Sinterverformung reduzieren.
Um den linearen Schrumpf beherrschbar zu halten, sollten Konstrukteure bereits im Design folgende Regeln beachten: gleichmäßige Wandstärken zwischen 0,5 und 3,0 mm, großzügige Radien an Kanten und Übergängen, sowie eine konsequente Einhaltung von Entformungsschrägen. Jede lokale Materialansammlung führt zu unterschiedlichem Schrumpf und zu Verzug.
Die Konstruktion der Angusssysteme und Trennlinien beeinflusst ebenfalls die Schrumpfverteilung. Ein zentrischer Anspritzpunkt sorgt für eine symmetrische Orientierung des Bindemittels und reduziert den anisotropen Schrumpf. Mehrfachanschnitte können notwendig sein, um große Teile gleichmäßig zu füllen.
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